Über den Trauerfall (1)
Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Horst Freier, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.
6 Jahre...
23.11.2013 um 16:54 Uhr von SebastianHallo lieber Opa!
6 Jahre ist es nun her, das du endlich von Deinen Schmerzen erlöst wurdest. Oft saß ich an Deinem Sterbebett und sagte in Gedanken zu Dir, das du endlich loslassen sollst, damit Dein Leiden ein Ende hat.
Es ist so lange her. Und immer wieder tut es weh. Du weisst, das ich selten weine. Aber jedesmal, wenn ich an Dich denke, verliere ich die Kontrolle über mich selbst. Ich muss weinen. So viel weinen. Ich versuche dann oft, an die schönen Momente mit Dir zu denken, um lächeln zu können. An all diese Nebensächlichkeiten, die kleinen Dinge, mit denen Du mich zum schmunzeln gebracht hast, die für Dich aber so ernst waren.
Ich erinnere mich zurück an jene Abende, in denen ich bei Dir im Schlafzimmer auf dem Bett von Oma und Dir gelegen habe. Wo du mich in den Arm genommen hast, und wir noch etwas fern gesehen haben.
An Dein Lachen, wenn du mal einen Scherz gemacht hast. Du bist immer so rot geworden, das Lachen kam scheinbar gequält über Deine Lippen. Du warst oft immer so ernst. Ich fand als Kind so vieles gemein von Dir. Ich empfand vieles als so ungerecht. Und doch hat es mich davor bewahrt, den falschen Weg im Leben zu gehen. Es ginge mir so viel schlechter heute, wenn Du nicht so gewesen wärst, wie Du warst.
Weisst Du noch, wie wir zusammen stundenlang Fußball geschaut haben?
Ich habe noch heute oft das Gefühl das es Dir manchmal sehr schwer fiel zu zeigen, was ich Dir bedeute. Und doch begreife ich heute viel mehr als früher, wie sehr Du es mir eigentlich gezeigt hast. Da war dieses Fußballspiel, etwas völlig banales. Stadtmeisterschaft der Schulen. Ich war es gewohnt, das Du mir beim Fußball nie zugesehen hast. Kein Wunder, so bescheiden wie ich spielte, aber es bereitete mir Spaß. Nachmittags, als ich Dir zuhause erzählte, wie die Spiele ausgegangen sind sagtest Du, wir hätten gegen, ich glaube es war Schloß Heessen, Glück gehabt. Sie wären stärker gewesen. Erst heute verstehe ich, das Du heimlich zugeschaut hast.
Ich bereue es so sehr, Dir kein besserer Enkel gewesen zu sein. Ich hasse mich dafür, Dir nie gesagt zu haben, das ich Dich liebe. Du hättest es mehr als verdient gehabt, das ich es Dir stundenlang sage. Und doch glaube ich, das Du es immer wusstest. Das war zwischen uns immer eine Situation, die ohne Worte blieb.
Ich kam mir oft vor, als sei ich ein Aussenstehender. Das ich nicht richtig dazugehöre. Das ich sowieso immer alles falsch mache, und nie gut genug bin. Die Monate an Deinem Sterbebett änderten alles. Du lagst bereits im Sterben. Nie sagte mir jemand, das Du Deine Krankheit nie besiegen wirst. Ich wollte es auch nicht hören. Ich wusste es, und habe es so gut es ging ignoriert. Ich wollte das Du wieder gesund wirst und habe gehofft, aber ich wusste, das alle Hoffnung mit Dir sterben wird. Die Ärzte gaben Dir wenige Wochen. Und Du hast uns Monate geschenkt. Endlos wirkende Monate, die so schwer, aber auch so schön waren.
Es ging bereits dem Ende entgegen, und ich hatte Geburtstag. Oma, Tante Johanna und ich waren bei Dir, in 'Babchas' altem Zimmer. Keiner gratulierte mir, aber das war mir so egal, Du warst so viel wichtiger, als ich es jemals im Leben sein kann. Tante Johanna erinnerte sich plötzlich und gratulierte mir, Oma ebenso. Du lagst einmal mehr in Deinem Dämmerschlaf, der Dich irgendwann ganz zu sich nehmen sollte. Doch plötzlich hast Du Deine Augen aufgemacht, gefragt wer Geburtstag habe, und Du hast mir gratuliert. 10 Tage später sollte alles vorbei sein.
Irgendwann auf Deinem Sterbebett sagtest Du, als Du über Deine Kinder sprachst, das ich es oft schwer gehabt hätte. Und das Du noch einen Sohn hättest... das tat so weh. Es war so unendlich schön das zu hören, und doch zerriss es mir das Herz. Es zeigte mir, wie wenig ich es eigentlich verdient hatte, einen Menschen wie Dich an meiner Seite gehabt zu haben. Und trotz allem, was ich von Kleinauf Dummes anstellte, egal wie gemein ich zu Dir war... ich habe Dich geliebt, ich liebe Dich noch immer.
Ich kann keine Worte dafür finden, wie sehr Du mir fehlst.
Opa, Du weisst, das ich alles andere als urgläubig war und bin. Und doch hoffe ich darauf, Dich eines Tages auf der anderen Seite des Lebens wiederzusehen. Dich zu umarmen, genauso wie früher als kleines Kind. Dich nie wieder loszulassen.
Es gibt so vieles, was ich Dir sagen möchte. Aber dafür ist es lange zu spät. Es gibt eben nicht immer eine zweite Chance. Ich hoffe so sehr, das Du irgendwo bist, und das alles mitkriegst. Das Du meine Gedanken hörst. Das die Tränen in meinen Augen bedeuten das Du weiterexistierst. Das Du auf mich schaust und Dir denkst, das aus mir doch halbwegs etwas geworden ist.
Wenn ich auch nur einen kleinen Teil von Dir habe, dann weiß ich, das ich ein guter Mensch bin. Ein guter Mensch sein muss.
Nur ein einziges Mal habe ich den Mut gehabt, Dir zu sagen, was ich denke und fühle. Und das ausgerechnet an dem Tag, an dem Du einschliefst, Dein großes, so verdammt liebevolles und gutes Herz für immer aufhörte zu schlagen, und Dich von Deinem so unfairen Leid erlöste. Ich weiss es noch genau... ich saß an Deinem Bett, wir waren allein. Ich hielt Deine Hand, und Du schliefst. Ich sprach Dich an, 'Opa?'. Meine Stimme war leise, ich konnte nicht lauter sprechen. Und doch hörtest Du mich. Du zogst Deine Augenbrauen hoch. Deine Augen zu öffnen, dafür reichten Deine Kräfte nicht mehr. Der Krebs und die Medikamente schwächten Dich zu sehr. 'Ich wollte Dir Danke sagen für alles.'
Und Du antwortetest mir. 'Schon gut.'. Mit einem Nicken. Ich verabschiedete mich, und abends rief Tante Johanna mich dann mit der Nachricht an. Ich verbrachte die Nacht dann mit Oma bei Dir. Und ich musste kaum weinen, es kam mir auf einmal alles so leicht vor. Ich denke ich wusste in dem Moment, das Du erlöst warst.
Ich würde alles tun, mein Leben herschenken, die ganze Welt dafür opfern, nur einen einzigen Tag mit Dir verbringen zu können. Von ganzem Herzen wünsche ich es mir.
Opa?
Ich liebe Dich! So sehr!